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Boyhood – Coming of Age hoch zwei

Nachdem ich mir es lange vorgenommen habe, ging es heute endlich ins Kino um Boyhood zu schauen. Normalerweise ist das Publikum bei Indiependent-Arthouse-Whatever-Produktionen doch meist eher spärlich und man sitzt mit vielleicht 15 rotweintrinkenden Hornbrillenträgern in irgendeinem mikroskopischen Programmkino. Doch anders heute. Das Freiluftkino Friedrichshain war bis auf dem letzten Platz ausverkauft. Knackend voll sozusagen. Ganze 1.800 kultivierte Hauptstädter verbrachten diesen sonnigen Augustabend mit dieser cineastischen Delikatesse.

Doch was macht Boyhood so besonders? Viele Coming-of-Age-Filme zeigen das Älterwerden nur über einen gewissen, aber doch eher eng bemessenen Zeitraum. Meist sind das einige Wochen oder auch einige Monate (z. B. Into the Wild oder Garden State). Dabei geht es oft mehr über die Gedanken die mit dem Altern einhergehen als über das Altern selbst. Filme, wie Mr. Nobody die diesen Prozess auch über mehrere Jahre zeigen, benutzen entweder unterschiedliche Darsteller oder schminken die Schauspieler um den Alterungsprozess irgendwie darstellen zu können. Und sind wir mal ehrlich, wer findet es nicht ulkig, wenn Leonardo DiCaprio einen 75-jährigen spielt? Deshalb ist die Rechnung des Regisseurs Richard Linklater so einfach, wie genial. Zwölf Jahre im Film sind zwölf Jahre im Leben der Schauspieler.

Eigentlich führt Mason, dem Hauptcharakter den wir die nächsten zwölf Jahre begleiten, ein stinknormales Leben, wie wir es wahrscheinlich in unserer Nachbarschaft etliche Male finden würden. Seine Mutter ist eine liebevolle, intelligente Person, die praktisch ein Abo auf die falschen Männer zu haben scheint. Sein Vater, ist ein Abenteurer, ein Musiker, der alles andere macht, als mit beiden Beinen im Leben zu stehen, wie es immer so schön heißt. Dann gibt es natürlich noch seine etwas ältere Schwester Samantha, zu der Mason aufgrund ihrer Zickigkeit und ihrer makellosen Schulleistungen eine eher schwierige Beziehung hat.

Erzählt wird die Geschichte ein bisschen wie ein Buch. Ein Kapitel steht für sich und was zwischen den unterschiedlichen Zeiträumen geschieht, wird zwar nicht direkt gezeigt, lässt sich aufgrund des Kontexts jedoch erahnen. Thematisch ist der Film ähnlich wie andere Coming-of-Age-Filme einzuordnen. Es geht um Zukunft, Gegenwart, Träume, Perspektive, Hoffnung, Ängste, Freundschaft, Liebe, Abweisungen, Veränderungen… einfach um das Leben als Ganzes. Dabei liegt der Fokus zwar auf Mason, doch auch die Zukunftsgedanken der anderen Charaktere werden beleuchtet. Welchen Sinn hat das Leben noch, wenn die Kinder die eigenen vier Wände verlassen haben? Doch trotz dieser, teilweise negativer Gedanken ist Boyhood ein Feel-Good-Film, ein Film um die Sorgen des Alltags hinter sich zu lassen und neue Motivation zu gewinnen.

Grundsätzlich geht es bei dem Film aber nicht um das „Was?“ sondern um das „Wie?“. Linklater gelingt es dass der fast drei Stunden lange Film, wie im Flug vergeht und man Masons Leben am liebsten noch bis zu seinem Tode verfolgen möchte. Untermalt wird das Ganze von Coldplay, Vampire Weekend, The Black Keys, Arcade Fire und Co. Einem wahren Soundtrack-Ohrenschmaus also. Mir ist sogar aufgefallen, dass die Musik immer zum jeweiligen Drehzeitpunkt aktuell ist. Aber egal. Boyhood ist auch für Nicht-Musikliebhaber ein absolutes Must-See, eines der Highlights des Jahres 2014. Eine Coming-of-Age-Film, wie er bisher noch nicht da gewesen ist, vielleicht sogar ein Meilenstein. Am Ende der 163 Minuten applaudierte ein Großteil der 1.800 Zuschauer im Herzen des Volksparks. Zu Recht!

„You don’t want the bumpers. Life doesn’t give you bumpers.“

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