Musik
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Als Musik noch richtig groß war…

Dieser Beitrag erscheint in Kooperation mit sophieleben – hier zum zweiten Teil.

…singt Olli Schulz in seinem gleichnamigen Lied und berichtet von einer Zeit in der Musik noch mehr Wert und Bedeutung hatte. Doch ist es wirklich so? Hat sich unser Musikkonsum in den letzten Jahren verändert? Ich als heute 24-jähriger und Kind der frühen Neunziger kann mich noch an eine Zeit ohne Streaming, YouTube und (schnelles) Internet erinnern.

Musik war beschränkt. Es gab natürlich das Radio (mit ca. 6 verschiedenen Sendern in meiner Heimat Mecklenburg-Vorpommern), Musik-Fernsehen wie MTV oder VIVA oder die eigene Kassetten-, CD- oder Schallplattensammlung. Also wenn man nicht gerade hören wollte, was der Mainstream einen vorkaut, musste man wohl oder übel etwas Geld in die Hand nehmen. Circa Mitte der 2000er als ich im großen LAN-Party-Fieber war, wandelte sich das Ganze etwas. Ich hatte zwar immer noch kein DSL zu Hause. Doch auf den LAN-Partys, wo man sich eigentlich zum Zocken treffen wollte, wurde zum großen Teil Filesharing betrieben. Irgendwer hatte irgendwo die Musik her und so war das neue Blink-182-Album nach ein paar Minuten auf der eigenen Festplatte.

Das war aber nur der Beginn eines großen Wandels. Das illegale Napster, eine Musiktauschbörse revolutionierte den Musikmarkt. Auch wenn es immer noch etwas kompliziert war, so standen einem mit wenigen Klicks mehrere Tausende Gigabyte zur Verfügung. Im Jahre 2005 ging auch YouTube online und streamt Musikvideos auf quasi jeden Rechner der Welt. Kostenlos. Die wahre Revolution fand aber meiner Meinung nach spätestens mit dem Release von Spotify statt. Legales Streaming, quasi das All-Inclusive-Buffett des Musikkonsums. Die Apps sind genial designt und kinderleicht zu bedienen. Für quasi jede Lebenssituation gibt es vorgefertigte Playlisten und Algorithmen kennen deine neue Lieblingsband bevor du sie kennst. Also alles super? Nur bedingt. Als Musik-Konsument befindet zwar, wie Alice im (Musik)-Wunderland. Doch die Musiker bekommen nur wenig vom Kuchen ab. Die Einnahmen für das Abspielen eines Songs liegen gefühlt im Promille-Bereich eines Cents. Wenn man nicht gerade Bubblegum-Pop produziert, wird man dadurch nicht unbedingt reich.

Doch das ist nur die Seite des Wertverlustes. Jeder vierte Song wird nach fünf Sekunden „geskippt“ und jeder dritte Song nach 30 Sekunden (zur Statistik). Alben werden zerpflückt, wie das berühmte Westpaket. Was auf dem ersten Blick nicht gefällt, wird ruck-zuck übersprungen und ausgetauscht. So ist unsere heutige Gesellschaft nun mal in vielerlei Belangen. Ich glaube, dass das Album als Kunstform nur noch für wirkliche Musikfans eine Bedeutung hat. Es ist nicht mehr so, wie früher als man ein Album einfach aufgrund des Mediums von vorne bis hinten hören muss.

Die Vielzahl an Türen die einem beim Musikkonsum offen steht, führt meiner Meinung nach auch dazu, dass es kaum noch wirkliche große Bands gibt, die überall auf der Welt Stadien füllen können und dazu noch eine gesellschaftliche Relevanz haben. Ich mein die 60er hatten die Beatles und die Stones, die 70er Led Zeppelin und Pink Floyd, die 80er Metallica, Bruce Springsteen und U2, die frühen 90er Nirvana und wen haben wir? Die einzigen die heute große Stadien füllen können sind nur die gerade genannten Rock-Dinosaurier.

Im Sommer 1988 buchte die DDR-Regierung für ihre Bevölkerung einige Weststars. Einer von ihnen auch Bruce Springsteen. Der Andrang auf dieses Konzert war so groß, dass letztendlich alle auf das Gelände in Berlin-Weißensee gelassen wurden. Schätzungsweise waren bis zu 500.000 Menschen dort. Das sind mehr als drei Prozent der Bevölkerung der DDR gewesen. Drei Prozent, die sich von einem vermeintlichen Klassenfeind in Levis-Jeans Born in the U.S.A. um die Ohren hauen lassen.Unter diesen vielen Menschen waren auch meine Eltern. Doch was dann passierte, war fast noch erstaunlicher: In der Mitte des Konzerts wollte Springsteen in John F. Kennedy Manier einige Worte in Deutsch an das Publikum richten: „Es ist schön, in Ost-Berlin zu sein. Ich bin nicht für oder gegen eine Regierung. Ich bin gekommen um Rock’n’Roll zu spielen für Ost-Berliner, in der Hoffnung dass eines Tages alle Barrieren abgerissen werden.“ Anschließend folgte ein Cover von Bob-Dylans-Freiheitshymne Chimes of Freedom. Es gibt nicht wenige die behaupten, dass die Ereignisse des Sommers 1988 einen großen Einfluss auf das nachfolgende Jahr hatten. (Dokumentation zu dem Thema)

Doch das ist nur ein Beispiel. Im Jahre 1966 wurde der US-Amerikanische Boxer Rubin „Hurricane“ Carter wegen dreifachen Mordes (an drei Weißen) inhaftiert und zu drei mal lebenslänglich verurteilt. Unter den Geschworenen waren ausschließlich Weiße, die sich auf den Aussagen zweier Krimineller beriefen. Nachdem sich das Verfahren schon fast über zehn Jahre zugespitzt hatte, kontaktierte Carter einen gewissen Bob Dylan. Dieser schrieb den Protestsong Hurricane, der in der Presse so viel Aufmerksamkeit erreichte, dass der Prozess noch mal komplett neu aufgerollt wurde. Doch auch hier erfolgte der Schuldspruch. Doch Dylan und Carter gaben nicht auf und im Jahre 1985, nach einem dritten Prozess war der Boxer endlich frei. Das wäre ohne den öffentlichen Druck des berühmten Musikers sicher nicht möglich gewesen. Ich könnte jetzt sicher noch einige weitere Geschichte ausführen. Die Hippie-Bewegung in der Mitte der 60er oder die Punk-Bewegung in den späten 70ern. Immer war Musik eine treibende Kraft für den Umschwung. Doch hat Musik heute noch die Stärke dazu? Die meisten populären Musiker frönen ihr hedonistisches Leben. Oder könntet ihr euch vorstellen, dass Coldplay einen Song zur Bewältigung  der Flüchtlingsproblematik beisteuern? Oder, dass Miley Cirus gegen die Macht der Lebensmittelkonzerne angeht? Ich nicht und selbst, wenn hätte es keine Wirkung.

Mein persönliches Fazit: Musik hat in den letzten Jahrzehnten enorm an gesellschaftlichen Wert verloren. Ob das auch mit den technischen Entwicklungen und der Allgegenwärtigkeit der Musik einhergeht, weiß ich nicht zu 100 Prozent. Das heißt jedoch nicht, dass der persönliche Wert von Musik verloren gegangen ist. Musik kann einem immer noch das Leben bedeuten und so wird es auch immer bleiben. Wie steht ihr zu dem Thema?

Ihr wollt noch eine andere Meinung zu dem Thema lesen? Dann solltet ihr jetzt unbedingt noch den Beitrag auf den wunderbaren Blog sophieleben lesen.

3 Kommentare

  1. Stephan sagt

    Moin Jonas,

    für mich als Musikkonsumenten ist die von dir beschriebene Entwicklung natürlich zu begrüßen, weil ich dadurch einfach Zugang zu viel mehr Musik habe, mehr kennenlernen und mich so meinen musikalischen Horizont erweitern kann.

    Ich stimme dir zu, dass gerade die kleinen Bands und Newcommer es schwer haben, sich zu finanzieren. Till Lindemann hat sich vor kurzen auch dazu geäußert: http://www.metal-hammer.de/news/meldungen/article745571/till-lindemann-ich-wuerde-heute-keine-band-mehr-gruenden-wollen.html

    • Moin Stephan,

      freut mich, dass du schreibst 🙂

      Ja, als Konsument möchte ich neue Technologien wie Spotify oder YouTube nicht missen. Ich hätte einfach etliche Bands nie im Leben entdeckt. Anderseits wird es durch die Vielfalt wohl nie wieder Band mit großer Bedeutung geben. Das sagt ja auch Till Lindemann in dem Interview: „Wir werden nie wieder Bands wie Led Zeppelin oder Black Sabbath sehen. Es ist vorbei.“

  2. Ich hab den Artikel hier und den bei Sophie tatsächlich erst heute entdeckt, bin aber schwer begeistert. Hättet ihr mal Bescheid gesagt, wär ich direkt dabei gewesen!

    Über das, was du hier beschreibst habe ich auch schon viel nachgedacht und was dazu geschrieben. Den Artikel hast du glaube ich auch schon gelesen.

    Die gute Seite von Spotify, Deezer aber auch Youtube ist, dass den Plattenfirmen deutlich die macht genommen wird. Plötzlich ist eine riesige Vielfalt zu beobachten und jeder, der etwas veröffentlichen möchte, kann das tun, ohne auf die großen Köpfe im Business angewiesen zu sein. Indielabels werden immer stärker und die Künstler stehen in vielen Kreisen mehr im Mittelpunkt.

    Viele Rückblicke, wie du sie beschreibst, sind sicher irgendwie war, aber sicher auch nostalgisch verklärt. Fakt ist schließlich auch, dass es Stars wie Bruce Springsteen gab, weil sich die Aufmerksamkeit der Menschen nur auf ein viel kleineres Spektrum verteilt hat. Wo man vor 20 Jahren im Plattenladen die Auswahl zwischen 5 Bands auf Platte oder CD hatte, da stehen dir heute tausende über alle erdenklichen Kanäle offen. Abwarten, was wir in 20 Jahren von der Musik von heute halten und, ob sich vielleicht doch ein paar Künstler im Gedächtnis der Allgemeinheit halten. Und falls nicht, dann hat eben jeder seinen ganz eigenen Soundtrack zu den 2010ern. Auch eine schöne Vorstellung!:)

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